Die Stadt meiner Träume



Manchmal etwas mutlos, lustlos, manchmal beschwingt und fröhlich und manchmal ziellos umherirrend bin ich unterwegs mit meinen vier sinnbildlichen Fragen:

Wo komme ich her ?
       Wo stehe ich gerade?
               Wo will ich noch hin?
                      Wie komme ich hin?

Eines Tages hatte ich eine Vision von einer Stadt, nach der meine Seele dürstete und in der ich alle meine verlorenen Träume und entschwundenen Hoffnungen wiederfinden würde und erfüllt sah. Plötzlich hatte ich wieder ein Ziel vor Augen, für das es sich lohnte, all meine Energie und Kraft zu aktivieren, um dorthin zu gelangen. Ich wurde von einem Adrenalinschub erfasst, der mich schwindeln ließ. Voller Elan und mit unbändiger Freude schritt ich rasch voran. Aber wie das Leben so spielt, hegte es nicht die Absicht, mich ungehindert vorwärts gehen zu lassen. Denn bald schon stellte sich mir das erste Hindernis in den Weg. Auf einem Schild am Wegesrand stand „Vorsicht! Steinschlag!“. Den Berg an Steinen, die auf der ganzen Breite des Weges lagen, zu umgehen, stand nicht zur Alternative. Also fing ich an, über ihn hinweg zu steigen. In bedächtig kleinen Schritten, mit großer Anstrengung und erheblichem Zeitaufwand verbunden ist es mir zwar endlich gelungen, die Steine zu überwinden, machte danach aber auch eine längere Pause unumgänglich - mein Ziel schien in weite Ferne gerückt.
Nachdem ich mich erholt hatte, ging ich weiter, nicht mehr ganz so unbedarft und voller Vorfreude, da sie einen kleinen Dämpfer erhalten hatte. Nach einer längeren Strecke begann sich der Weg einfach so unter meine Füße zu schieben. Ich ließ mich wieder von der Fröhlichkeit locken, entspannte mich zusehends, schüttelte die Last, die ich mir durch meine Gedanken aufgebürdet hatte, ab. Nun konnte ich wieder meinen Blick auf die Stadt meiner Träume richten, der ich wie durch ein Wunder ein großes Stück näher gekommen war.
Mein ganzes Tun und Streben war auf dieses Ziel gerichtet und ich war willens, dieses nun schnurstracks zu erreichen. Geduld stand dabei nicht auf meinem Plan, so dachte ich jedenfalls, bis ich eines Besseren belehrt wurde. Das Leben hielt offensichtlich eine weitere Lektion für mich parat. Ich kam an einen großen Fluss, an dem weit und breit keine Brücke zu sehen war, dafür ein kleines Fährhaus, das vorübergehend verwaist zu sein schien, mit einem Schild an der Tür: „Komme bald wieder, bitte gedulden Sie sich ein wenig“
Was hieß hier bald? Stunden, Tage, Wochen, gar Monate oder Jahre? Die Stadt so nah vor Augen und doch so fern, fand ich nun gar nicht lustig. Wo nur war die nächste Brücke? Flussaufwärts, flussabwärts gehen oder doch lieber warten und ausharren? Mir fiel das Bild vom Stau auf der Autobahn ein – ihn zu umfahren kann durchaus viel länger dauern – also lieber mal warten, statt gleich in blinden Aktionismus zu verfallen. 

Zeit nutzen, sich einmal selbst zu betrachten (im Spiegelbild des Flusses), die Umgebung wahrzunehmen und die Situation so anzunehmen, wie sie nun mal ist. Nach einer gefühlten Ewigkeit kam aus den Tiefen des Nebels, der sich über den Fluss gelegt und mir die Sicht auf meine Stadt versperrt hatte, der Fährmann und setzte mich über. Der Nebel verzog sich, die Sonne lachte und mit dem Wind im Rücken kam ich wieder schnell voran. Die Stadt war zum Greifen nah!
Und mit der Stadt kam die Mauer und ich stand vor verschlossenen Toren. Meine Rufe verhallten, kein Tor ward mir aufgetan.
Ich setzte mich auf einen Stein. Verzweifelt, zweifelnd, enttäuscht und erschöpft legte ich weinend meinen Kopf in den Schoß.
Ein kleines Mädchen, das mir seltsam vertraut vorkam, stand plötzlich neben mir, legte mir die Hand auf meine Schulter und sah mich fragend an. Und klagend fragte ich: „Warum stellt sich mir jetzt auch noch diese Mauer in den Weg?“
Es zuckte mit den Schultern: „ Was fragst du mich? Bis eben, bis du kamst, gab es hier keine. Du hast sie dir wohl selbst gebaut“


(c) Meine Version einer Weisheitsgeschichte

Kommentare

  1. So, nun hab ich Tränen in den Augen - Manno! - Ja ich weiß, wir verbauen uns unsere Wege selbst - mit unseren Gedanken und (falschen) Taten. - Und dann steht man da, vor einer unüberwindbaren Mauer und fragt sich, WARUM? - Ich danke dir für diese herzergreifende und gleichzeitig lehrreiche Geschichte! LG Martina

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  2. Hallo liebe Ulla, der erste Post von dir, den ich lese, nachdem ich schon heute Morgen dir gefolgt bin und er bewegt so viel in mir.
    Nicht, dass ich es nicht wusste, dass die Grenzen, die in uns das Gefühl entstehen lassen, nichts tun zu können, nur in unserem Kopf beheimatet sind. Das weiß ich, ja… Aber SO, wie du es rübergebracht hast, es erreichte mich sofort und die Sätze „ Was fragst du mich?
    Bis eben, bis du kamst, gab es hier keine. Du hast sie dir selbst gebaut“ … meine Güte, es hat mich umgehauen.
    Und dieser Satz von Dir:„Nach einer längeren Strecke begann sich der Weg einfach so unter meine Füße zu schieben.“ Ach, Ulla – das kennen wir so gut: Wir gehen, gehen, gehen und scheinbar bewegen wir uns nicht und dann kommt ein Moment, meistens dann, wenn wir schon am Zweifeln sind, und … da passiert es und der Weg schiebt sich vom alleine unter die Füße. Tiefe Freude und Dankbarkeit ist in mir in solchen Momenten in mir spürbar.
    Liebe Ulla, ich danke dir so sehr für all diese Worte. Ich bin glücklich, dass ich dich entdeckt habe. Wünsche dir alles Liebe, die Grażyna

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  3. Liebe Ulla, eine Geschichte die zum Nachdenken zwinkt. Und als ich mitten drin war ,die Steine schon überwunden, da dachet ich, das sind noch nicht alle Hindernisse. Immer wieder liegen auf unseren Wegen Hindernisse . Manches verbaut man sich selber, ja, das ist so. Entscheidungen in welche Richtung man gehen will sind machmal schmerzhaft und doch muss man gehen, sonst wird man nicht sehend.Die Stadt der Träume zu erreichen kostet Mühe und Arbeit an uns selber.
    Danke für Deine schöne Geschichte , herzlichst Klärchen

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